BUCHVORSTELLUNG: Roman eines Schicksallosen - von Imre Kertész

von Erik Boß (Kommentare: 1)

ISBN 3-499-22576-X

Alle Fotos im nachfolgenden Beitrag aus meinem Berlin-Bildarvchiv.

Ich möchte heute einen Roman vorstellen, den ich vor kurzem gelesen habe und der mich sehr bewegt hat. Das Buch trägt den Titel „Roman eines Schicksallosen“, verfasst von Imre Kertész.

Vielleicht ist es nicht ganz unwichtig zu wissen, wie ich meine Buchauswahl treffe. Für gewöhnlich werde ich auf ein Thema, auf einen Autor oder auch auf ein konkretes Buch durch andere Texte aufmerksam. Dann recherchiere ich dazu im Internet und bestelle es. Beim vorliegenden Roman war das anders. Das Buch wurde mir geschenkt und ich muss bekennen, dass ich heute nicht mehr weiß, wann und von wem ich es bekommen habe. Ich habe es wohl irgendwann in mein Regal gestellt ohne zu wissen, worum es sich handelt. Dann, es war Anfang dieses Jahres, suchte ich für mich ein neues Buch und dieser Roman fiel mir wieder in die Hände. Ich schaute auf den Klappentext. Auschwitz stand dort. Für einen kurzen Moment hatte ich Bedenken, ob ich mich auf das Werk einlassen sollte. Dieses kurze Zaudern hatte einen Grund, den ich hier kurz erklären muss: Ich lese nur morgens, und das in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Soll ich den Tag mit Auschwitz beginnen? Soll ich den Tag mit aufwühlenden Gedanken beginnen? Gibt es überhaupt eine Tageszeit, die dem Thema Auschwitz angemessen ist? Ich hab’s probiert, und ich muss sagen, von der ersten Seite an hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen und mich nicht mehr losgelassen.

Der Roman ist in der Ich-Form verfasst. Von einem vierzehnjährigen ungarischen Jungen, und wir wissen sofort, dies ist ein autobiografischer Roman. Der erste Teil des Buches beginnt mit dem Alltagsleben in Budapest. Dort läuft nicht alles rund, aber wir spüren, der Junge ist dort zu Hause. Die Eltern sind getrennt, er lebt beim Vater, der ein Geschäft betreibt. Er ist Jude, es gibt Verwandte in seiner Familie, die ihm unangenehm die jüdische Tradition nahebringen wollen, für ihn ist das eher verwunderlich. Er ist noch nicht in dem Alter, wo er Religion braucht, er interessiert sich für die Nachbarstochter. Die Beschreibung des häuslichen und familiären Umfelds ist deshalb so wichtig, weil es der Maßstab für die Entwürdigung wird, die später folgt. Diesen Alltag, aber auch die Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen, all das wird es später nicht mehr geben. So scheinbar banale Dinge wie das Auswählen der Kleidung, schmackhaftes und sättigendes Essen, interessante Gespräche, werden zum letzten Mal erlebt.

Am Beginn des Buches verabschiedet sich die Familie vom Vater, denn der soll sich am nächsten Tag im Arbeitslager einfinden. Von ihm wird im weiteren Verlauf keine Rede mehr sein. Der Junge, der bei seiner Stiefmutter lebt, darf als Jude nicht mehr die Schule besuchen, sondern muss tagsüber in einer Fabrik arbeiten. Eines Tages, auf dem Arbeitsweg, wird sein Bus von ein einem Polizisten gestoppt und alle jüdischen Jungen müssen aussteigen. Nach langem Warten, keiner weiß warum, werden die Fahrgäste vom Polizisten zu einer Sammelstelle in der Stadt geführt, wo schon viele andere Juden, Frauen, Männer, Kinder, versammelt wurden. Sie müssen einen Güterwagen besteigen und werden über mehrere Tage hinweg transportiert, nach Auschwitz. Dort wird sofort selektiert in arbeitsfähige und nicht arbeitsfähige Lagerinsassen. Der Erzähler ist arbeitsfähig, auch weil er angibt, älter zu sein, als er in Wahrheit ist. Diesen Hinweis hatten ihm andere Häftlinge kurz vor Verlassen des Zuges eindringlich gegeben. Der Junge begibt sich zum Desinfizieren in den Duschraum. Wir ahnen, dass hier jetzt das Gas kommt, aber unser Erzähler spürt Wasser auf seiner Haut. Er wird noch zum Arbeiten gebraucht und kommt ins Konzentrationslager Buchenwald, von wo er nach kurzer Zeit in ein Außenlager umziehen muss. Dort arbeitet er hart in einem Rüstungsbetrieb und erkrankt daran lebensgefährlich. Er befürchtet, dass er nun wohl getötet wird, aber er kommt zurück nach Buchenwald in die Krankenstation, wird wieder gesund, erlebt dort die Befreiung des Lagers und kehrt zurück nach Budapest.

Was ist das Besondere an diesem Buch? Obwohl der Inhalt bitter ist, liest es sich leicht, es ist die scheinbare Leichtigkeit eines Vierzehnjährigen, der staunend und irritiert in etwas hineingezogen wird, was er nicht kennt und zu verstehen versucht. Den Begriff der Deportation gibt es im Roman nicht. Heute wissen wir, wie planvoll die Verschleppung und der millionenfache Mord der Juden in Europa von den Nazis vollzogen wurde. Für den Erzähler stellt es sich ganz anders dar. Im ganzen Buch gibt es keine bösen Nazis, keine vordergründigen Grausamkeiten. Irgendwie ist die ganze Deportation nicht ernst zu nehmen. Ein freundlicher Polizist hält die Jungen auf, die laufen nicht weg, weil sie Respekt vor dem Gesetz haben und nichts Schlimmes befürchten. Auch später im Lager gibt es keine grausamen Nazis. Es sind immer Mithäftlinge, die die Aufsicht haben und Sanktionen verhängen. Die Qualen des Lagerlebens erlebt der Junge eigentlich dadurch, dass er sein angenehmes, behütetes Leben jäh verliert und nun ständig mit anderen zusammengepfercht wird. In den Sammelstellen während der Deportation, in den Güterwaggons, in den Lagern mit den engen Schlafsälen.

Die meisten von uns kennen inzwischen viele Berichte aus und über die Konzentrationslager im Dritten Reich. Ich glaube, in diesem Roman irritiert am meisten die Abwesenheit des plakativen Grauens. Der Junge schildert, wie er und seine Mithäftlinge quasi teilnahmslos mitansehen, wie sie immer tiefer sinken. Außerhalb der Zwangsarbeitszeiten vegetieren die Insassen in ihren Baracken, dieses Zusammenleben (kann man das überhaupt so nennen) beschreibt der Autor sehr intensiv. Irgendwie erinnert es mich das an das Zusammengepferchtsein in der Massentierhaltung heute. Alles Persönliche, Individuelle, Menschliche, alles Schöne verkümmert unmerklich. Wer noch einen Funken Leben verspürt und aufbegehrt, wird sofort getötet, aber das findet wieder weiter weg statt, nicht so direkt vor unseren Augen.

Eines Morgens nach dem Lesen in der Bahn musste ich im Regen aussteigen. Welche Kleinigkeit zum Waten im Morast vor den Baracken der KZ’s. Wenn ich morgens am Ostkreuz aus der Bahn steige, bewegt sich eine stumme Menschenschlange geduldig zur Treppe und torkelt nach oben. Wenn ich zuvor in der Bahn gelesen habe, wie die Menschenschlang aus den Güterwagens zur Selektion schreitet, ob sie vergast werden oder nicht, dann bekommt so ein Morgen am Ostkreuz für mich ein ganz anderes Gewicht.

Vielleicht trägt das Buch auch ein wenig dazu bei zu verstehen, wie Faschismus überhaupt funktioniert. Die Täter sind diejenigen, die die Massenvernichtung ideologisch vorbereiten, planen und anordnen. Heute würden wir sagen, es sind die Manager. Der Entwürdigung- und Vernichtungsprozess, der dann folgt, funktioniert nur, weil alle Beteiligten, auch die Häftlinge, sich an die Vorgaben der Planung halten. Am Schluss sind die Häftlinge fast unter sich und kontrollieren sich untereinander. Das ist das eigentliche Grauen, was sich durch das ganze Buch zieht. Vielleicht ist es nicht gut, dass Ausschwitz auf dem Klappentext genannt wird. Denn im Buch geht es weniger um den körperlichen Tod als darum, das Leben im Leben zu verlieren.

Während ich diese Rezension schrieb, ist der Autor im Alter von 87 Jahren in Budapest gestorben. Im Jahr 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, auch für dieses Buch.

Vielen Dank für euer/Ihr Interesse an meiner Buchvorstellung und den Fotografien.
Erik Boß

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Kommentar von Katja | 01.11.2016

....durch Zufall ,natürlich über google,bin ich auf deine Seite gekommen und habe mich bis zu diesem Buchvorschlag vorgearbeitet. Deine Zusammenfassung und Gedanken zum Buch,sowie die dazwischen gelegten Bilder,haben mich jetzt dazu bewogen,dieses Buch zu lesen. Lieben Guß Katja