Nachruf Wilhelm Genazino

von Erik Boß (Kommentare: 0)

Alle Fotos im nachfolgenden Beitrag aus meinem Berlin-Bildarvchiv.

Mitte Dezember las ich in der Zeitung, dass der Schriftsteller Wilhelm Genazino gestorben ist. Da musste ich die Brille kurz abnehmen, diese Nachricht hat mich traurig gemacht. Jetzt kenne ich keinen zeitgenössischen Romanautor mehr, der mich begeistert.

Ich vermute, ich habe inzwischen alle seine Romane gelesen. Die ähneln sich doch sehr. In seinen Büchern gibt es immer eine männliche Hauptfigur, die mit dem gewöhnlichen Alltag in seiner Mischung aus Beruf, Partnerschaft und Öffentlichkeit nicht klar kommt. So haben Genazinos Helden zumeist eine regelrechte Abneigung gegen Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeiter sind Gefangene. Im unmittelbaren Sinne räumliche Gefangene, da es ihnen verwehrt ist, den ganzen Tag mit wacher Wahrnehmung durch die Straßen streifen können. Allerdings ist auch die Straße kein Ort der Freiheit. Das Schicksal der Helden Genazinos ist es wohl, dass sie unbedingt die Freiheit der Wahrnehmung brauchen, sie aber dann von den eigenen Wahrnehmungen völlig überfordert und beunruhigt werden.

Seit ich vom Phänomen der Hochsensibilität erfahren habe, lese ich Genazinos Geschichten ganz anders. Mit Sicherheit ist Genazino ein hochsensibler, sonst hätte er nicht die intensiven und subtilen Beobachtungen, die er beschreibt. Das entscheidenden bleibt dennoch der Inhalt seiner sensiblen Wahrnehmung, und wir Leser sind aufgefordert, uns damit auseinanderzusetzen. Seine Romanfigur Gerhard Wahrlich sagt es ja selber am Schluss des Buches: „Nicht er ist kompliziert, die Welt ist kompliziert und wird von außen an ihn herangetragen“. Genazino nennt das „Fremdkompliziertheit“, es ist seine eigene Wortschöpfung, Google findet diesen Begriff nur in Verbindung mit diesem Autor.

Genazinos Protagonisten sind eigentlich allen Menschen fremd, vor allen Dingen jenen, denen sie am nächsten stehen. Aber warum? Vielleicht liegt es am Maßstab, wie sie Beziehungen definieren. Oft hatte ich den Eindruck, sie definieren menschliche Beziehungen nach dem Maßstab einer frühkindlichen Mutter-Kind-Beziehung. Wenn das der Maßstab ist, dann sind Beziehungen zwischen Erwachsenen die zwischen Fremden. Das wäre ja auch richtig so, denn inzwischen sollte sich ein Ich gebildet haben, das nicht mehr an der Mutter hängt. Genazinos männliche Helden aber sehnen sich nach der Mutter, genauer versuchen sie, ihre erwachsenen Beziehungen zu Frauen mit mütterlich-abhängigen Elementen zu versehen. Und scheitern daran. Ist das auch der Grund, warum Genazinos Helden in jedem Buch ihre Hemden in die Wäscherei bringen?

In seinem letzten Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“, der Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde, denkt ein sechzigjähriger Ich-Erzähler über sich und sein Leben nach. Beim Lesen habe ich schon gespürt, dies ist wohl sein letztes Buch. Der Ich-Erzähler, ich weiß gar nicht mehr, ob er überhaupt einen Namen hat, macht das, was alle Helden von Genazino gemacht haben: Er streift durch die Straßen und beobachtet Menschen und weist diesen Beobachtungen Bedeutungen und Fragen zu. Und da sind natürlich seine Frauen. In diesem Buch sind es gleich mehrere. Erst Sybille, dann Christa und schließlich Frederike. Sybille hat sich umgebracht, Christa wurden nach einer Krebserkrankung die Brüste amputiert, nur Frederike ist stabil. Genuss und Schicksal wechseln ständig einander ab.

Damit nicht genug. Die Hauptfigur muss ständig an seine längst verstorbenen Eltern denken. Immer wieder fallen ihm kleine Gesten ein. Er hadert mit der Armut und der Lächerlichkeit seiner Eltern und schämt sich, dass solche Leute seine Eltern waren. Zwischendurch aber immer wieder Gesten der Verzeihung und der Milde.

Erwerbsarbeit ist für Genazinos Helden, wie bereits erwähnt, ein unerträgliches Zwangsverhältnis. Deshalb wird er zeitlebens finanziell von Frauen unterstützt. Er selbst braucht auch nicht so viel zum Leben. Er hat keine männlichen Freunde. Nur alte Bekannte, die er lieber nicht treffen mag. Wenn er dagegen eine Frau von früher trifft, kommt es schnell zu intimen Begegnungen, die stets von den Frauen ausgehen. Trotzdem ist er unzufrieden und antriebslos. Genazinos Held merkt, er ist alt geworden, er merkt, Alter ist keine Belohnung. Noch als junger Mensch hatte er dies irrtümlich angenommen. Genazinos letzter Held sucht etwas Bedeutsames und findet es nirgends.

Im Sommer 2016 habe ich „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ gelesen, hier in meinem Blog war es meine zweite Rezension, die ich veröffentlicht habe. Ein schönes Buch. Es endet damit, dass sich Gerhard Wahrlich noch immer stationär in der Psychiatrie aufhält, er aber optimistisch für die Zukunft ist.

Genazino lenkt den Blick auf die Sehnsucht, ein einzigartiges Individuum zu sein. Kein Massenmensch, der Dinge tut, die von ihm erwartet werden. Es ist die Suche nach dem selbstbestimmten Individuum. In seinem Buch „Achtung Baustelle“ schreibt er, dass Individualität nur entstehen kann als Abgrenzung zur Menge. Vielleicht war das der Grund, warum der Genazino nie ein Massenpublikum erreicht hat. Ich denke, seine hinterlassene Gedankenwelt wird uns auch in Zukunft noch bereichern und erfreuen können.

Vielen Dank für euer/Ihr Interesse an meinen Buchvorstellungen und den Fotografien.
Erik Boß

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